Unter der Haut.

Freitag, 18. November 2011 | 6 Kommentare

69 junge Menschen wurden auf der norwegischen 
Insel Utøya getötet. Die Überlebenden werden den 22. Juli 2011 nie vergessen,
einige haben sich das Datum sogar tätowieren lassen.

Sofie Tømerås Lyshagen, 18
Sarpsborg

Die letzten Worte, die ich zu Lejla gesagt habe, waren "te dua". Das ist albanisch und bedeutet "ich liebe dich". Wir haben uns immer mit diesen Worten voneinander verabschiedet, auch wenn klar war, dass wir uns nur kurz nicht sehen würden. So war das auch an diesem Tag auf Utøya. Ich wollte vom Campingplatz zu, Gemeinschaftshaus hochlaufen, um zu fragen, ob es was neues aus Oslo gibt. Lejla wollte im Zelt bleiben. "Ich bin in zehn Minuten wieder hier", hatte ich versprochen. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah.

Sie war die beste Freundin, die ich je hatte. Wir haben nur Brüder und hätten so gerne eine Schwester gehabt. Also waren wir wie Schwestern füreinander. Ich sollte die Patentante werden für ihre Kinder und sie die für meine. Wir wollten nach der Schule zusammen nach Oslo gehen und dort zusammen in einer WG leben. Sie wäre eine tolle Politikerin geworden, ich wollte Eventplanerin werden. Und dann ihre Hochzeit ausrichten. Nur ich kannte ihre Ringgröße. Und weil dann auch ihre Verwandten aus Albanien gekommen wären, hätte ich albanisch gelernt. Ich wollte die Hochzeitsrede zweisprachig halten. Es gäbe so viel zu sagen über Lejla.
Als ich an diesem Tag auf Utøya unser Zelt verließ, wusste ich, wie mein Leben weitergehen würde. Jetzt weiß ich gar nichts mehr. Die meiste Zeit lebe ich einfach so wie vorher. In diesen Stunden weiß ich nicht, dass Lejla tot ist und dass all die anderen tot sind. 69 sind gestorben. 22 kannte ich gut, und 17 waren Freunde von mir. Leute, die ich mehrmals die Woche gesehen habe. Das kann man nicht 24 Stunden im Bewusstsein haben. Das erträgt man nicht. Manchmal fällt es mir ein, dann fühlt es sich an, als schlüge mir jemand mit der Faust auf den Kehlkopf. Ich kriege keine Luft und weine, bis ich nicht mehr weinen kann.
Als ich oben im Haus war und jemanden gesucht habe, der mir Auskunft geben kann, kam er. Ich hörte draußen Schüsse. Also habe ich mir ein Versteck im Haus gesucht. Ich lief in die Küche und setzte mich in den Kühlschrank. Aber dann dachte ich, wenn er alle töten will, dann guckt er auch in den Kühlschrank. Da guckt man als Killer doch nach, oder? Und wenn ich dann da sitze, wenn er die Tür aufmacht, kann er mich ganz einfach erschießen. Deshalb bin ich raus aus dem Kühlschrank, ganz leise. Das Gefühl, durch ein Haus zu schleichen, in dem ein KIller ist, aber man weiß nicht, wo genau er ist - das ist genau so, wie wenn man solche Szenen in Filmen sieht, wenn der Hauptdarsteller irgendwo steht und man als Zuschauer weiß, dass in der nächsten Einstellung der Mörder auftaucht. Vielleicht hinter ihm, vielleicht draußen vor dem Fenster, vielleicht kriecht er unter dem Bett hervor. In echt ist das noch Millionen Male schlimmer.
Dieses Abwarten, dieses Lauschen, wo er ist, woher die Schreie kommen, das war zu heftig. Da bin ich eindach gerannt, ohne mich umzuschauen, so schnell ich konnte. Aus der Hintertür raus, in den Wald, runter zum Wasser. Dort habe ich mich versteckt. Dann fiel mir ein, dass es gleich in der Nähe eine Art Bucht gibt, zu der man nur schwimmend hinkommt, weil es über Land zu felsig ist. Also habe ich meine Jogginghose ausgezogen und meine zwei Paar Wollsocken, habe mein iPhone in den Mund genommen und bin geschwommen. Als ich ankam, waren da noch ein paar andere. Wir haben uns umklammert, gewärmt und getröstet. Wir konnten sehen, dass überall am Wasser und unter den Klippen Leute kauerten. Und im Wasser waren welche und versuchten von der Insel wegzuschwimmen. Die hat er als Erstes erschossen, als er aus dem Wald kam. Daraufhin ist er zum Wasser gegangen und hat die erschossen, die unter den Klippen waren. Und dann hat er uns gesehen, in der Bucht. Er hat angelegt, und ich dachte, wenn er ein guter Schütze ist, kann er uns auch auf die Entfernung treffen. Also bin ich ins Wasser gesprungen und geschwommen. Unter Wasser. Über Wasser waren Schüsse. Ich bin im Zickzack getaucht, damit er nicht weiß, wo ich bin. Es war so kalt, und meine Beine waren müde. Mein Sweatshirt wurde schwer. Und ich brauchte wieder Luft. Als ich über Wasser kam, hat er auf mich gezielt. Sofort bin ich wieder untergetaucht, aber ich hatte zu viel Angst zum schwimmen. Ich lag einfach still unter Wasser. Dann wurde es plötzlich völlig  ruhig. Als ich wieder aufgetaucht bin, sah ich, dass er weg war. Um mich herum trieben meine Freunde tot im Wasser. Nur ich war am Leben. Aber ich hatte keine Kraft mehr und bin immer wieder untergegangen.
Als Nächstes erinnere ich mich daran, dass ein Mädchen mich anstupst und dann ein Mann nach mir greift und mich in sein Fischerboot zieht. Die anderen erklärten mir, dass der Mann, der uns alle gerettet hat, ein Deutscher ist. Ich kann nur einen Satz auf Deutsch: "Ich liebe dich." Also sagte ich das.
Ich bin so glücklich, weil ich es geschafft habe. Weil ich noch lebe. Lejla hatte keine Chance. Ich habe ein  paar Tage später erfahren, wie sie starb. Freunde, die dabei waren, haben es mir erzählt. Als der Killer auf den Campingplatz kam, waren alle dort völlig ahnungslos. Lejla dachte wahrscheinlich, er sein ein richtiger Polizist, sie muss aus dem Zelt gekrochen und auf ihn zugelaufen sein, um ihn zu fragen, was in Oslo los ist. Er hat wohl ganz ruhig gewartet, bis sie genau vor ihm stand, dann hat er die Waffe gehoben, auf ihren Kopf gezielt und abgedrückt. Sie ist auf die Knie gesackt und dann umgefallen."

- Auszug aus der Zeitschrift NEON, Dezember 2011



Ich habe die Nachrichten über dieses Thema lange verfolgt und besonders diesen Artikel immer wieder gelesen, und kann immer noch nicht verstehen wie ein Mensch zu so etwas fähig sein kann.
Diese Geschichte hat mich sehr berührt und einfach nicht mehr losgelassen. So sehr, dass ich sie komplett abgetippt habe um sie euch zu zeigen. Gerade das ruft noch einmal vor Augen, was sich für ein schlimmes Ereignis in Norwegen am 22. Juli diesen Jahres zugetragen hat.
- sorry, 'ne Menge Text.

6 liebe Kommentare ♥

» beautiful blathering | 20. November 2011 um 16:54

Hey, schöner Blog :-)

Vielleicht möchtest du ja an unserem Weihnachts-Gewinnspiel teilnehmen!
http://beautiful-blathering.blogspot.com/2011/11/weihnachts-gewinnspiel.html

Liebe Grüße ♥

» Sophie, merveilleux | 22. November 2011 um 19:00

Wow, der Text ist krass. ♥

» Inkerbell | 12. März 2012 um 15:58

da wird mir ganz anders zumute .. wenn ich dran denke dass das keine nacherzählung von einem film ist sonder wirklich passiert ist .. :/

» tina | 2. April 2012 um 13:17

wow..

» Lara | 3. April 2012 um 23:29

Gänsehaut!

Anonym | 12. April 2012 um 22:45

Der Post ist jetzt schon etwas älter , aber dennoch :

Ich habe den ganzen Artikel , der auch die Schicksale und Geschichten anderer Anwesenden erzählt, gelesen. Ich bin kein besonders emotionaler Mensch , doch beim Lesen sind mir wirklich die Tränen gekommen. Soetwas würde ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschen!

Ich find es echt klasse , dass du den Ausschnitt hier veröffentlichst, da wird man richtig nachdenklich!
Generell hast du echt einen richtig schönen Blog! (:

Schreib mir etwas:

« »
All the pictures on this blog were taken by me and may not be used without my permission.
© ohfrenzy